Inhalt
Kurzantwort: Gähnen ist ansteckend, weil der Anblick eines gähnenden Menschen den primären motorischen Cortex im Gehirn erregt und dort einen automatischen Nachahmungsreflex auslöst. Forscher der Universität Nottingham zeigten 2017, dass die Erregbarkeit dieser Hirnregion rund 50 Prozent der Unterschiede zwischen Menschen erklärt. 40 bis 60 Prozent der gesunden Erwachsenen gähnen mit, wenn sie jemanden gähnen sehen. Wer das Gähnen unterdrückt, verstärkt den Drang sogar.
Jemand am Tisch gähnt, und wenige Sekunden später gähnst du auch. Es funktioniert über Video, beim Lesen über Gähnen und sogar über ein Gähnen, das du nur hörst. Beim Lächeln ist die Ansteckung deutlich schwächer.
Die Wissenschaft nennt das ein Echophänomen, also die automatische Nachahmung einer fremden Handlung. Dazu gehören auch das unwillkürliche Nachsprechen von Wörtern und das Kopieren von Gesten.
Die Antwort auf die Frage hat zwei Ebenen. Die erste liegt im Gehirn und lässt sich messen. Die zweite betrifft den Nutzen der Ansteckung für Gruppen. Dort gibt es mehrere Erklärungen und noch keinen Beweis.
Was im Gehirn passiert
Die klarste Antwort liefert eine Studie der University of Nottingham aus dem Jahr 2017, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Current Biology. 36 Erwachsene sahen Videoclips mit gähnenden Menschen. In einem Durchgang durften sie mitgähnen, im anderen sollten sie es unterdrücken. Die Forscher filmten sie und zählten jedes volle und jedes unterdrückte Gähnen.
Parallel maßen die Forscher mit transkranieller Magnetstimulation (TMS) die Erregbarkeit des linken primären motorischen Cortex. Diese Hirnregion steuert Bewegungen. Erregbarkeit und Hemmung dieser Region sagten voraus, wie stark sich eine Person ansteckt, und erklärten rund 50 Prozent der Unterschiede zwischen den Teilnehmern.
Zwei weitere Befunde sind für den Alltag wichtig. Die Anweisung, das Gähnen zu unterdrücken, erhöhte den Drang zu gähnen. Sie veränderte nur die Form, aus vollen Gähnern wurden unterdrückte. Die Neigung zur Ansteckung selbst blieb gleich. Mit elektrischer Stimulation konnten die Forscher die Erregbarkeit steigern und damit auch die Neigung zum Mitgähnen.
Die Studienleiter Stephen Jackson und Georgina Jackson sehen darin einen Weg, Echophänomene bei Tourette-Syndrom, Epilepsie, Demenz und Autismus besser zu verstehen.
Wie viele Menschen sich anstecken
Rund 40 bis 60 Prozent der gesunden Erwachsenen gähnen mit, wenn sie ein Gähnen sehen. Die Spanne stammt aus Videoexperimenten, unter anderem von Robert Provine.
Die größte Einzelstudie kommt von der Duke University in den USA. 328 gesunde Freiwillige sahen 2014 ein dreiminütiges Video mit gähnenden Menschen. 222 von ihnen gähnten mindestens einmal. Die Zahl der Gähner pro Person lag zwischen null und 15.
Als einziger eigenständiger Faktor beeinflusste das Alter die Ansteckung. Ältere Teilnehmer gähnten seltener mit, auch unter 40 Jahren nahm die Neigung mit dem Alter ab. Das Alter erklärte allerdings nur 8 Prozent der Unterschiede. Empathie, Intelligenz und Tageszeit zeigten keinen starken Zusammenhang.
Die Neigung ist zudem stabil. Wer beim ersten Termin oft mitgähnte, tat es auch beim zweiten. Die Korrelation zwischen beiden Sitzungen lag bei 0,80.
Nahestehende stecken stärker an
Ivan Norscia und Elisabetta Palagi von der Universität Pisa beobachteten 2011 ein Jahr lang Erwachsene im Alltag. Von allen geprüften Variablen sagte allein die soziale Bindung voraus, ob, wie oft und wie schnell jemand mitgähnte.
Am stärksten steckten Verwandte an, danach Freunde, dann Bekannte und zuletzt Fremde. Bei Fremden und Bekannten dauerte es länger bis zum Mitgähnen. Geschlecht und Nationalität spielten keine Rolle. Der Effekt blieb auch dann, wenn die Beobachteten das Gähnen nur hörten.
Dazu passt eine Studie von 2007. Kinder mit Autismus-Spektrum-Störung gähnten beim Betrachten von Gähnvideos nicht häufiger als bei Kontrollvideos. Nicht-autistische Kinder gähnten dagegen mit.
Die Duke-Studie widerspricht dem Empathie-Ansatz teilweise. Sie fand keinen belastbaren Zusammenhang zwischen Empathie-Fragebögen und Mitgähnen.
Kühlung und Gruppentakt als weitere Erklärungen
Andrew Gallup und Gordon Gallup von der State University of New York at Albany vertreten die These, Gähnen kühle das Gehirn. Säugetiergehirne arbeiten in einem engen Temperaturbereich am besten. In ihren Versuchen sahen Gruppen Videos gähnender Menschen. Wer dabei einen Eisbeutel an der Stirn hielt oder nur durch die Nase atmete, gähnte seltener mit.
Der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt erklärte die Ansteckung mit dem Gruppenleben. Sie sorgt dafür, dass alle Mitglieder etwa gleichzeitig müde werden und schlafen gehen. Würden nur einzelne schläfrig, während andere weiterziehen, wäre der Zusammenhalt gefährdet. Beobachtungen an anderen Primaten stützen das. Sie stimmen ihren Schlaf-Wach-Rhythmus aufeinander ab.
Kinder, Hunde und Schimpansen
Kleine Kinder stecken sich nicht an. James Anderson und Pauline Meno fanden in ihren Experimenten kein angestecktes Gähnen bei Kindern in den ersten Lebensjahren. Nach heutigem Stand ist die Ansteckung bei Kindern unter sechs Jahren nicht zuverlässig, auch nicht durch Geschichten über Gähnen.
Bei Hunden zeigte ein Versuch von Joly-Mascheroni, Senju und Shepherd an der University of London, dass 21 von 29 Hunden gähnten, wenn ein Fremder vor ihnen gähnte. Öffnete der Fremde nur den Mund, blieb die Reaktion aus. Das entspricht 72 Prozent. Hunde stecken sich erst ab etwa sieben Monaten an, jüngere Welpen reagieren nicht. Ein weiterer Versuch zeigte, dass Hunde auch auf Gähngeräusche reagieren und dabei stärker auf die Stimme ihres Besitzers als auf Fremde.
Schimpansen lassen sich vom Gähnen ihrer Artgenossen anstecken.
| Gruppe | Befund | Quelle |
|---|---|---|
| Gesunde Erwachsene | 40 bis 60 Prozent gähnen mit | Provine, Platek u. a. |
| 328 Freiwillige, Duke | 222 gähnten mindestens einmal | Bartholomew und Cirulli 2014 |
| Kinder unter 6 Jahren | keine zuverlässige Ansteckung | Anderson und Meno |
| Hunde ab 7 Monaten | 21 von 29 gähnten mit | Joly-Mascheroni u. a. |
| Schimpansen | stecken sich untereinander an | Anderson u. a. 2004 |
Was ein Gähnen selbst ist
Ein durchschnittliches Gähnen dauert etwa sechs Sekunden. Die Spanne reicht von dreieinhalb Sekunden bis deutlich über sechs. Meist gähnst du mehrmals hintereinander, mit Abständen von etwa einer Minute.
Gähnen beginnt lange vor der Geburt. Wissenschaftler beobachteten es schon ab der elften Schwangerschaftswoche.
In Versuchen mit einem Gähntagebuch gähnten Menschen in der Stunde nach dem Aufstehen und am Abend vor dem Zubettgehen deutlich häufiger.
Häufige Fragen
Warum muss ich gähnen, wenn ich nur über Gähnen lese?
Schon das Lesen über Gähnen regt zum Gähnen an. Der Versuch von Robert Provine, dasselbe mit beschriebenem Schluckauf auszulösen, misslang. Bei Kindern unter sechs Jahren funktioniert die Ansteckung über Geschichten nicht zuverlässig.
Kann ich ansteckendes Gähnen unterdrücken?
Die Nottingham-Studie zeigt, dass der Drang beim Unterdrücken größer wird. Du kannst die Form ändern, etwa mit geschlossenem Mund gähnen. Die Neigung selbst bleibt.
Bin ich weniger empathisch, wenn ich nicht mitgähne?
Dafür gibt es keinen sicheren Beleg. Die Duke-Studie mit 328 Personen fand keinen starken Zusammenhang mit Empathie. Die Neigung zum Mitgähnen ist ein stabiles persönliches Merkmal.
Ab welchem Alter stecken sich Kinder an?
Unter sechs Jahren ist die Ansteckung nicht zuverlässig. Anderson und Meno fanden bei kleinen Kindern kein angestecktes Gähnen.
Stecken sich Hunde bei Menschen an?
Ja. 21 von 29 Hunden gähnten mit, wenn ein Mensch vor ihnen gähnte. Hunde ab etwa sieben Monaten reagieren, Welpen nicht. Auch das Geräusch eines Gähnens reicht.
Wie lange dauert ein Gähnen?
Im Durchschnitt etwa sechs Sekunden, mindestens dreieinhalb. Oft folgen mehrere Gähner im Abstand von rund einer Minute.
Quellen
- University of Nottingham — Yawning: why is it so contagious and why should it matter?
- Bartholomew & Cirulli, PLOS ONE 2014 — Individual Variation in Contagious Yawning Susceptibility Is Highly Stable
- Wikipedia — Gähnen
- Wikipedia (englisch) — Yawn
Geschrieben von Clara, Redaktion wissens-bote.de — sie erklärt hier Alltagsfragen mit belegten Antworten.







